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Leseprobe "Die Kathedrale der Ketzerin"

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Prolog

Barone und Damen und kleine Kinder,
Männer und Frauen, alle nackt und tot,
In Stücke zerhauen mit blutigen Schwertern.
Herausgerissne Lebern und Herzen,
liegen umher, wie zum Vergnügen verteilt.
Rot glänzt der Boden, als sei blutiger Regen gefallen
Die Stadt versinkt in Feuer und Asche.
Anonymer zeitgenössischer Troubadour über das Massaker von Marmande

Ende Mai 1219

„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“

Raimund von Toulouse packte die Tochter, die ihm siebzehn Jahre zuvor eine seiner Gespielinnen mit den Worten: „Nimm den Balg oder ich ertränke ihn“, in den Arm gedrückt hatte, und schüttelte sie.

„Hier herrscht Krieg, Clara!“, brüllte der Graf. „Was fällt dir ein, den sicheren französischen Hof zu verlassen und zu uns in den gefährlichen Süden zu kommen?“

„Simon von Montfort ist doch tot“, wisperte Clara. „Ich dachte, damit ist alles vorbei.“

„Nichts ist vorbei!“, donnerte Graf Raimund. Er zog seine gewaltigen Pranken zurück, die sich in Claras Schultern gegraben hatten. „Du musst augenblicklich nach Paris zurück!“

Clara warf einen flehenden Blick auf ihren Halbbruder, der in einem ordentlichen Ehebett gezeugt und nach dem Vater benannt worden war. Bei ihrer Ankunft hatte er ihr zugeflüstert, wie wunderschön sie doch erblüht sei. Das großartige Gefühl, am Grafenhof von Toulouse willkommen zu sein, hätte Clara gern weiter ausgekostet. Die Heftigkeit des Vaters erschreckte sie. Er hätte die so lange abwesende Tochter nicht schütteln, sondern in die Arme schließen sollen!

„Darf ich nicht zu Hause bleiben?“

Sie biss sich auf die Lippen. Die Frage klang eine Spur zu weinerlich. Wahrscheinlich, weil sie nicht ganz von Herzen kam. Claras Zuhause war schließlich der französische Königshof in Paris, an dem sie seit zehn Jahren in der Obhut der Kronprinzessin Blanka von Kastilien lebte. Die vierzehn Jahre Ältere ersetzte Clara gewissermaßen die so früh aus ihrem Leben entschwundene Mutter.

Aber Blanka war auch Mutter vieler eigener Kinder, von denen andauernd eines starb. Woran sie sich offenbar nicht gewöhnen konnte. Als kürzlich ihr neunjähriger Liebling Philipp das Zeitliche gesegnet hatte, ihre größte Hoffnung für Englands und Frankreichs Throne, war sie für acht Wochen in ihren Gemächern verschwunden, hatte Claras Gesellschaft abgelehnt und sich nur von ihrem geliebten Gemahl Kronprinz Ludwig trösten lassen. So gründlich, dass sie danach wieder guter Hoffnung und somit in einer Sphäre war, in die Clara ihr nicht folgen konnte.

Am Königshof war es überhaupt traurig und langweilig geworden. Viele Gefährtinnen hatten geheiratet, und die meisten der früher so fröhlichen jungen Männer das Kreuz geschultert, um irgendwelche Häretiker im benachbarten Okzitanien auszurotten, in Graf Raimunds und somit auch Claras Heimatland. Das Unbehagen, auch kirchentreue Christen ins Jenseits zu schicken, war der frohen Aussicht gewichen, Ablass für Sünden zu erhalten, ohne sich auf eine gefahrvolle Reise ins Heilige Land begeben zu müssen.

„Wir sind mittendrin, Clara, und es wird immer schlimmer“, meldete sich jetzt ihr Halbbruder Raimund zu Wort. „Simons Sohn Amaury wütet wie sein Vater und wird nicht ruhen, bis wir allesamt vernichtet sind. Wir können froh sein, Toulouse zurückerobert zu haben.“

„Wie unverantwortlich von meiner Nichte Blanka, dich ziehen zu lassen!“, schimpfte der alte Graf. Er fuhr sich durch den kurzen eisengrauen Schopf, bis dieser wie ein Stachelkranz sein Haupt krönte. Am liebsten hätte er sich jedes Haar einzeln ausgerissen. Das würde aber auch nichts an dem traurigen Gedanken ändern, seine Tochter nur bei jenen in Sicherheit zu wissen, die sein Land und ihn zerstören wollten.

Clara senkte die Lider.

„Blanka weiß nicht, dass ich hier bin“, flüsterte sie fast unhörbar.

„Du hast dich ohne Erlaubnis vom Hof entfernt?“

Clara hob trotzig das Kinn.

„Und du beschützt ohne Erlaubnis Häretiker?“, fragte sie herausfordernd zurück.

Ihr Vater holte mit der rechten Hand aus. Clara zuckte zusammen. Sie rechnete mit einem Schlag, der sie in die hinterste Ecke des Saals befördern würde, doch der Graf stapfte mit zitternder hocherhobener Hand an ihr vorbei und riss die Tür auf.

„Schick sie augenblicklich zu den Franzosen zurück!“, brüllte er seinen Sohn an und knallte die Tür hinter sich ins Schloss.

Eine Stunde später saß Clara bereits wieder auf der schwarzen Stute, mit der sie am frühen Morgen in Toulouse eingetroffen war.

„Wo sind die Männer, die dich hergebracht haben?“, fragte Raimund, der ihr Pferd vor der Burg am Zügel hielt.

Clara atmete tief das süße Aroma der weißlichen Blüten des Geißblatts ein, das sich an einer Hecke vor dem Gemäuer der Burg in die Höhe rankte. Zu späterer Stunde wird es noch betörender duften, kamen mit einem Mal Erinnerungen an laue Frühlingstage ihrer Kindheit auf. Das Geißblatt im Mai roch noch stärker als der Lavendel im Juli.

„Nun, wo sind sie, deine Ritter?“, hakte Raimund ungeduldig nach.

Sie würde der Frage nicht entkommen können. Beziehungsreich sah sie vom Pferd auf ihren Bruder hinab und ließ ihr Schweigen für sich sprechen.

Raimunds schönes dunkles Antlitz verdüsterte sich.

„Das darf nicht wahr sein!“, brachte er ungläubig hervor. „Du hast getarnten Kreuzrittern die Möglichkeit geboten, in Toulouse einzureiten?“

Genau das hatte sie getan, und sie begann sich deswegen schuldig zu fühlen. Aber über Freund und Feind hatte sie sich keine Gedanken gemacht, als sie am Königshof nach männlichem Schutz für ihre Reise Ausschau gehalten hatte. Sie hatte vor allem Blankas Sorge hervorrufen, die Kronprinzessin für die vermeintliche Gleichgültigkeit ihr gegenüber strafen wollen. Zudem hatten die dunklen und kalten Pariser Wintermonate wieder einmal Sehnsucht nach südlicher Wärme und fröhlicher Leichtigkeit in ihr aufkommen lassen. In ihr, die in die leuchtenden Farben des Südens hineingeboren war, hatte das graue Einerlei jenseits des Cité-Palasts Schwermut aufkommen lassen. Das nach Fäulnis riechende Wasser der Seine ekelte sie ebenso an wie der Regen, der den gesamten März über unaufhörlich Kot, tote Ratten und faulenden Unrat durch die Gassen der Stadt geschwemmt hatte. Selbst wenn südlich der Garonne keine liebende Mutter ihrer harrte: Der Familiensitz in Toulouse war ihr als überaus erstrebenswertes Ziel erschienen.

Clara interessierte sich nicht für Politik und verstand nichts davon. Sie wusste nur so viel, dass sich England standfest weigerte, französisch zu werden, und sich irgendwelche Ketzer dem Papst widersetzten und deshalb umgebracht werden sollten. Mit ihrem Leben, ihren Wünschen, ihrer Sehnsucht und ihrer Zukunft hatte dies alles nichts zu tun.

Hatte es aber doch, wie sie zu ihrem Entsetzen nach der Ankunft in Toulouse feststellen musste. Kaum war sie mit ihren fünf Begleitern durch die Tore der Stadt geritten, wendeten diese plötzlich ihre Mäntel und wiesen die mit einem roten Kreuz auf der rechten Schulter bestickten Innenseiten vor. Mit höflichem Hohn dankten sie der Grafentochter für den Schutz, den ihr Name ihnen gewährt hatte, und sprengten in die Stadt davon.

„Du hast unsere Feinde zu uns gebracht?“, hakte Raimund nach. Seine sonst so klangvolle Stimme war schneidend scharf.

„Wer anders hätte mich denn begleiten sollen?“, gab Clara spitz zurück. „Unser Haus hat offensichtlich keine Freunde mehr im Norden. Auch deshalb wollte ich zu meiner wirklichen Familie zurückkehren. Hätte ich mich etwa ganz allein auf den Weg machen sollen?“

„Du hättest gar nicht erst kommen dürfen.“

„Das werde ich auch nie wieder tun!“, fauchte Clara. „Nie wieder werdet ihr eure Augen auf mich nach dem Vater benannt und richten, auf die Schwester, die Tochter, die wie eine räudige Katze aus dem Haus gejagt wird! Ich wünschte mir nicht einmal, ich wäre tot, denn ihr würdet mein Hinscheiden gewiss nicht beklagen, sondern feiern!“

Sie brach in Tränen aus.

„Steig ab, Clara“, sagte Raimund leise. Sie schüttelte den Kopf und schluchzte weiter: „Wo ich nicht gewünscht werde, mag ich nicht verbleiben.“

Raimund sog die Luft tief ein, ohne der duftenden Lieblichkeit des Geißblatts gewahr zu werden.

„Das sollst du auch nicht. Ich will nur von Angesicht zu Angesicht mit dir reden, Clara“, gab er tonlos zurück. „Du hast offenbar weder die geringste Ahnung von diesem Krieg, noch von den Gefahren, in die du andere gebracht und dich selbst begeben hast. Wahrscheinlich weißt du nicht einmal, dass ich letztes Jahr diese Stadt gemeinsam mit allen Bewohnern sechs Wochen lang erbittert gegen die Kreuzfahrer verteidigt habe.“ Seine Stimme wurde lauter: „Kreuzfahrer! Hah! Sag mir doch: Wie christlich sind denn Ritter, die Christenmenschen abschlachten?“

Clara schüttelte abermals den Kopf. Mit dieser Frage konnte sie überhaupt nichts anfangen.

„Ketzer“, murmelte sie unsicher, an grauenerregende finstere Gestalten denkend, die in Mondnächten dem Teufel huldigten und ihm jene kleinen Kinder zum Opfer darbrachten, deren Blut sie zuvor getrunken hatten. Böse Menschen, die mit der Macht des Kreuzes bekämpft werden mussten.

„Wir sind keine Ketzer, Clara, wir lassen nur jeden, der hier ehrlich leben und arbeiten will und keinen anderen stört, in Ruhe. Das nimmt uns die Kirche übel. Sie fürchtet um ihre Macht und ihren Zehnten und hat unserem ganzen Landstrich den Krieg erklärt.“

Seine Worte verwirrten Clara nur noch mehr. Sie schwieg. Raimund hob sie aus dem Sattel, küsste sie sanft auf den Scheitel und fuhr fort: „Dir ist ganz offensichtlich unbekannt, was tatsächlich auf dem Spiel steht und was den Papst bewogen hat, zu diesem ...“, er machte eine kleine Pause und brachte dann zwischen zusammengebissenen Zähnen erbittert hervor: „... Kreuzzug ... aufzurufen.“

Mit beiden Beinen wieder auf festem Grund stehend, meldete sich in Clara abermals die Widerspenstigkeit, welcher Blanka sie so oft geziehen hatte.

„Der heilige Vater wird seinen Grund dafür gehabt haben, unseren Vater zweimal zu exkommunizieren!“, gab sie bockig zurück. Trotz – oder vielleicht wegen – seiner harten Worte bewunderte sie diesen Bruder, der von eindrucksvollerer Gestalt und feinerem Wesen war als jeder Ritter, den sie kannte. Er durfte sie nicht für dumm halten, und so setzte sie hinzu: „Der Heilige Vater ist Gottes Stellvertreter auf Erden und macht keine Fehler, oder zweifelst du das etwa an?“

„Wenn dem so wäre, würde ich es ganz bestimmt nicht dir verkünden“, erwiderte Raimund, rief einen Ritter herbei und flüsterte ihm etwas zu. Dann nahm er seine Schwester an die Hand.

„Das Leben ist weder einfach noch gerecht, Clara“, sagte er, als er sie zu einer steinernen Bank an der Burgmauer geleitete und sich neben ihr darauf niederließ. Er blickte über das erblühte Land, über die ausgedehnten Weinberge, auf denen unzählige ameisengroße Menschen an den Reben arbeiteten, über das Tal, in dem die Pastel-Pflanze Färberwaid blühte, aus deren Blättern sich Indigo gewinnen ließ, jenes blaue Gold, das in die ganze Welt gesandt wurde und Toulouse zu großem Reichtum verholfen hatte. Reichtum, an dem der Mann in Rom ebenfalls teilhaben wollte.

„Auch du bist ganz sicherlich schon mal von einem Menschen enttäuscht worden“, sagte Raimund. Clara dachte an Blankas Zurückweisung und nickte heftig.

„Siehst du. Der heilige Vater ist auch nur ein Mensch. Er kann weder in die Zukunft sehen, noch abschätzen, wie sich die Welt entwickeln wird. Als er vor zehn Jahren zum Kreuzzug gegen die Albigenser aufrief, hat er bestimmt nicht damit gerechnet, dass sämtliche Bewohner von Béziers abgeschlachtet werden würden, sogar jene, die in Gottes Kirche Asyl gesucht hatten.“

Clara blickte entsetzt auf. „Waren das alles Ketzer?“

Raimund lachte bitter. „Alle siebentausend Bewohner der Stadt und die Landbewohner, die in ihr Schutz gesucht hatten? Natürlich nicht. Es waren Christen wie du und ich. Die Barone aus Frankreich hatten zunächst auch noch Skrupel. Sie fragten bei der römischen Kirche an, wie sie denn die Ketzer von den Christen und Juden unterscheiden könnten, da in der Stadt doch alle friedlich miteinander lebten und arbeiteten. Da forderte ein Stellvertreter von Gottes Stellvertreter deine so genannten Kreuzritter auf, solch kleinliche Bedenken abzulegen und die gesamte Bevölkerung abzuschlachten, Männer, Frauen, Kinder. Gott werde die Seinen schon erkennen und für sie sorgen, hat er gesagt. Und dann gab es kein Halten. Alle wurden ermordet. Béziers besteht nicht mehr. Und Toulouse droht das gleiche Schicksal, wenn wir den Kreuzfahrern das Tor öffnen, so wie du es getan hast.“

Clara schüttelte sich. Wo war sie nur hineingeraten! Sie sprang auf.

„Ich will hier weg!“, stieß sie hervor.

„Dafür sorge ich gerade.“

Raimund stand auf und winkte den Ritter herbei, der, von drei Männern flankiert, näher trat.

„Es tut mir leid, Clara, ich kann dir kein größeres Gefolge mitgeben. Aber du begreifst sicherlich, dass hier jeder wehrbare Mann gebraucht wird. Gute Reise, meine Schwester, Gott segne dich und schütze dich vor Schaden und deiner Unwissenheit!“

In Gedanken versunken, achtete Clara weder auf die Landschaft um sich herum noch auf den Sonnenstand. Daher entging ihr, dass die Männer statt der streng nördlichen Richtung eine nordwestliche einnahmen. Die Getreuen des jungen Raimund nutzten ihren Auftrag, um eine vordringlichere Aufgabe zu erledigen: nämlich drei der fünf Kreuzritter einzufangen, die am Mittag zwei Häuser in Toulouse niedergebrannt und ein Dutzend Frauen und Kinder ermordet hatten. Einer der Kreuzträger hatte sein Ende unter einem brennenden Balken gefunden; ein anderer war bei der Flucht aus der Stadt von einem uralten Mann aufgehalten worden, der sich seinem Pferd einfach in den Weg geworfen hatte. Während der Greis von Pferdehufen zertrampelt wurde, stürzte sich eine wütende Menge auf den einstmals so fröhlichen Pariser Höfling, von dem wenige Minuten später nur noch ein blutender Rumpf übrig blieb. Die anderen drei Kreuzritter hatten entkommen können, und auf sie war ein stattliches Kopfgeld ausgesetzt.

Claras Begleiter waren überzeugt, die Franzosen würden sich zum königlichen Heer absetzen und gaben ihren Pferden die Sporen. Sie wussten, dass sich Kronprinz Ludwig von Paris aus in südwestliche Richtung in Marsch gesetzt hatte, um selbst endlich auch dem päpstlichen Gebot zum Kreuzzug gegen die Häretiker nachzukommen.

Ludwigs Vater, der französische König Philipp II. August, hatte sich bislang noch weitgehend aus dem zehnjährigen Streit zwischen Papst und Häretikern herausgehalten und trotz Drängen des Papstes abgelehnt, am ersten Kreuzzug gegen die Ketzer teilzunehmen. Schließlich hatten ihm seine Feldzüge gegen den englischen Johann ohne Land mehr Kopfschmerzen bereitet als die Albigenser, in seinen Augen ungefährliche schwärmerische Trottel und die ganze Aufregung nicht wert, die um sie gemacht wurde. Allerdings hatte er gleich den Häretikern – wenn auch aus anderen Gründen – ebenfalls einiges am Verhalten des Papstes auszusetzen, der ihn selbst ja schon einmal exkommuniziert und damit sein Land an den Rand eines Abgrundes getrieben hatte.

Mit einzelnen Päpsten hatte er gewisse Probleme, doch die Autorität des heiligen Stuhls stellte er nicht grundsätzlich infrage. Als Johann ohne Land vor seinem Tod die Verfrorenheit besaß, dem Papst England zu übereignen, starb zwar König Philipps Traum von einem französisch regierten Albion, nicht aber der von einer gehörigen Ausweitung seines Reichsgebietes. Und so reizte ihn jetzt die Aussicht, mit heiligem Segen das einstige Septimanien, um das schon Karl der Große und dessen Erben erbittert gekämpft hatten, der französischen Krone einzuverleiben. Zudem klang Krieg gegen die Ketzer erhebender als Eroberungsfeldzug und würde sich den raffgierigen französischen Baronen, deren Unterstützung er brauchte, wesentlich besser verkaufen lassen, da reiche Beute mit und in den Burgen der ketzerfreundlichen Okzitanier zu erwarten war.

„Die Grafen von Toulouse sind seit jeher gefährlich. Einer hat einst gar das gesamte Karolingerreich zusammenbrechen lassen“, verkündete König Philipp in Gegenwart seines Sohnes Ludwig. Dieser erklärte sich sofort bereit, dem derzeitigen Grafen von Toulouse, einem Oheim seiner Gemahlin Blanka, die Stirn zu bieten. Der böse alte Raimund sollte dafür büßen, Ketzern, die das römische Christentum bedrohten, Zuflucht zu gewähren. Er sollte seine Länder verlieren, somit auch den Gewinn aus allen reichen Gaben der südlichen Erde, und sämtlicher Ämter enthoben werden. Mit dem Segen des Papstes, zehntausend Bogenschützen und sechshundert Rittern brach Ludwig frohgemut gen Süden auf.

Clara begann unruhig zu werden, als ihre Begleiter nach Einbruch der Dämmerung keine Anstalten machten, eine passende Unterkunft für die Nacht zu finden. Auf der Hinreise hatte sie in Klöstern, Herbergen, Bauernhöfen und einmal in einer Scheune geschlafen, aber immer ein Dach über dem Kopf gehabt. Doch ihr Drängen stieß bei den Männern auf taube Ohren und ihre Hinweise auf passende Gebäude wurden ignoriert. So musste sie sich mit einem Nachtlager am Fuße eines Machandelbaums unter freiem Himmel neben einem Fluss begnügen, den sie auf der Hinreise nicht wahrgenommen hatte. Während sie sich in ihren Reisemantel einwickelte, schwor sie sich, eine solche Behandlung in der nächsten Nacht keinesfalls zu dulden. Lange noch starrte sie in den sternenreichen Himmel, den sie im verräucherten Paris nie so klar gesehen hatte, und grübelte darüber nach, wie sie ihre Begleiter in der nächsten Nacht dazu bringen könnte, eine Herberge aufzusuchen.

Doch an die nächste Nacht würde sich Clara später ebenso wenig erinnern können wie an die Angreifer, die am Tag darauf in der Hitze des Mittags am Rande eines in früher Blüte befindlichen Lavendelfeldes mit erhobenen Lanzen und blanken Schwertern plötzlich das kleine Grüppchen umzingelten. Der Angriff erfolgte rasendschnell. Als Clara vom Pferd stürzte, spürte sie einen brennenden Schmerz in der Brust, und dann wurde es am helllichten Tag stockfinstere Nacht um sie.

Eine Fliege brummte um ihren Kopf. Clara öffnete verwirrt die Augen. Sie lag auf einem weichen Bett in einer winzigen Kammer. Durch die Fensterluke stahl sich ein schmaler Sonnenstrahl und tauchte eine schwarz gekleidete alte Frau in staubiges Licht.

„Sei nicht traurig, Gott der Herr ist mit dir, mein Kind“, sagte sie, strich Clara wie segnend über die Stirn und hob vorsichtig ihren Kopf an.

„Du musst jetzt etwas trinken, warte, ich helfe dir beim Aufsitzen. Langsam, langsam, du bist immer noch sehr geschwächt.“

„Wo bin ich? Was ist geschehen?“, krächzte Clara kaum verständlich, nachdem sie den an ihre Lippen gereichten Becher geleert hatte. Sie blickte an sich hinab. Noch nie hatte sie im Bett Kleidung getragen, schon gar kein dunkles Linnen. Warum sollte sie denn trauern? Sie schlug nach der dicken schwarzen Schmeißfliege auf ihrer Brust. Laut summmend entfleuchte das Insekt.

„Du bist in Sicherheit. In Marmande bei guten Menschen“, erwiderte die Frau freundlich lächelnd. Behutsam half sie Clara in das Kissen zurück und strich die Bettdecke glatt. Mit ihren gichtigen Fingern stülpte sie dann den leeren Becher blitzschnell über die Fliege, die sich auf dem kleinen Tisch aus dunklem grob gezimmertem Holz neben dem Bett niedergelassen hatte. Verwundert beobachtete Clara, wie vorsichtig die alte Frau den Becher über den Rand des Tischleins schob, auf ihre Handfläche setzte und dann zur schmalen Fensterluke schritt, wo sie das eklige kleine Tier davonfliegen ließ.

„Jetzt ist das Tierchen hoffentlich in Sicherheit“, sagte die Frau. „Wie du. Die Männer des Königs glaubten dich tot und haben dich in die Garonne geworfen. Ganz in der Nähe fischten zwei unserer Credentes. Die haben dich aus dem Wasser herausgezogen. Es ist ihnen gelungen, dich an der Belagerung vorbei hierherzubringen. Eine gute Frau hat dich gepflegt. Und mich herbeigerufen, um dir das Consolamentum zu spenden, wenn du es denn wünschst. Ich bin eine Perfecta. Du siehst, ich trage das Johannes-Evangelium bei mir.“

Sie deutete auf die schmale Schriftrolle, die an ihrem Gürtel baumelte.

Männer des Königs? Clara mühte sich, den Worten der Alten Sinn zu entnehmen. Marmande, Credentes, Perfecta, Belagerung, Consolamentum – wie die unschlagbare Fliege in der Kammer schwirrten ihr diese unbekannten Begriffe im Kopf umher. Was war mit der Welt geschehen, die sie bislang gekannt hatte?

„Wo sind meine Männer?“, fragte sie und setzte unsicher hinzu: „Die des Grafen von Toulouse?“

In den von vielen Fältchen umrahmten blassblauen Augen der Alten erschien ein Leuchten.

„Gott schütze unseren Retter, den edlen Grafen von Toulouse“, sagte sie, ohne auf Claras Frage einzugehen. „Ohne ihn könnten wir die Lehre der liebenden Gottheit nicht verbreiten und keine Seelen mehr für den Eintritt in das Licht der himmlischen Sphäre vorbereiten.“

„Mein Vater“, murmelte Clara, richtete sich mühsam wieder auf und hob die Rechte, um sich zu bekreuzigen. Rasch griff die Alte nach ihrer Hand.

„Lass ab vom Zeichen des Satans“, riet sie freundlich. Clara sah sie verständnislos an, sank wieder in das Kissen zurück und schloss die Augen.

Sie wusste immer noch nicht, was geschehen war, wer sie angegriffen hatte, wie viel Zeit vergangen war, wo sie sich befand, was mit ihrem Gefolge geschehen war und warum sie sich nicht bekreuzigen sollte. Und warum die alte Frau das Leben einer Fliege gerettet hatte, eines Insekts, das vermutlich nur dazu erschaffen worden war, um Menschen zu quälen. Doch jetzt umgaben sie Ruhe und Frieden. Sobald sie zu Kräften gelangt war, würde sich schon alles aufklären. Sie würde die vertraute Welt wiederfinden und sich dem nächsten Zug anschließen, der nach Paris reiste.

Schon am nächsten Tag erfuhr sie, dass an eine Reise nicht zu denken war. Das Heer des Königs hatte Marmande umzingelt, und es war nur eine Frage der Zeit, wann auch diese Stadt fiel. Dies also war der Krieg, von dem sie nichts verstand, von dem Raimund gesprochen hatte und der irgendwie mit dem Kreuzzug gegen die Häretiker zusammenhing, zu dem der Papst aufgerufen hatte. Ein Krieg, der sie nie interessiert hatte und der ganz plötzlich sehr viel mit ihr zu tun hatte. Wie nur war sie da hineingeraten?

„Sie werden uns alle töten – wie damals in Béziers“, bemerkte die junge Frau, die Clara versorgte, mit einer Gleichmut, als spräche sie über das Wetter. Sie hob ein Kleinkind auf, das in die Kammer gekrabbelt war, und legte es sich an die Brust.

„Béziers!“ Wo siebentausend Menschen ohne Rücksicht auf ihren Glauben abgeschlachtet worden waren, erinnerte sich Clara an Raimunds Worte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie versuchte aufzustehen. Ihre Stimme überschlug sich: „Das ist doch die Hölle! Das dürfen wir nicht geschehen lassen! Wir müssen hier sofort weg!“

„Ja, meine Freundin, bald werden wir wieder daheim sein, im Himmelreich. Aber leg dich doch hin, du bist noch zu schwach.“

„Ich will nicht sterben!“

„Bete und finde Ruhe! Nur durch den Tod kannst du die Macht des Satans brechen, der dich im Fleisch gefangen hält. Diese unzulängliche böse Welt gehört ihm, nicht Gott dem Herrn, dem am Wohl aller Seelen gelegen ist, der Mitgefühl, wahre Hingabe und Verwandlung unseres Wesens fördert. Fürchte den Tod nicht, meine Freundin. Er wird dir die Erlösung bringen, das wahrhaftige Leben im Reiche des Herrn. Lass dir von der alten Martha das Consolamentum erteilen, auf dass auch du nicht wieder auf diese Welt des Leidens und Elends zurückkehren musst.“

Clara schwieg. Die junge Frau sprach wirres Zeug. Doch auch die Alte hatte seltsam geredet. Die Menschen, die ihr das Leben gerettet hatten, schienen sich in einer anderen Welt zu befinden, ein sehr befremdliches Bild von Gott zu haben und den eigenen Tod zu begrüßen. Wahrscheinlich hatten diese bösen Ketzer sie verblendet.

„Warum nur liefert ihr die Häretiker den Männern des Königs nicht einfach aus?“, schlug sie flüsternd vor. „Dann könnt ihr gewiss euer Leben und das der unschuldigen Kinder retten!“

Die junge Frau starrte Clara einen Augenblick lang an, lächelte dann sanft und bemerkte gedehnt: „Ja, das sind wohl Namen, die man uns gibt und die uns nichts bedeuten: Häretiker, Katharer, Albigenser, Ketzer, Bogumilen, Textores, aber wir sind überhaupt nichts Besonderes und verdienen nicht, mit solch vielfältigen Bezeichnungen belegt zu werden. Wir mühen uns schlichtweg darum, gute Menschen zu sein, rechtschaffen zu handeln, den Nächsten zu lieben, andächtig zu beten und fleißig zu arbeiten. Schwer genug in diesen bösen Zeiten.“

Damit entschwand sie leise aus der Kammer und überließ Clara ihrem Entsetzen, in einem Ketzerhaus gelandet zu sein. Ketzerhaus, wiederholte sie den Gedanken; das klang viel schlimmer, als es sich anfühlte. Früher hätte sie sich darunter eine dunkle Höhle mit bedrohlichen Gestalten, krächzenden Raben, umherhuschenden schwarzen Katzen und Abbildern des Satans vorgestellt. Sie sah sich in der ungeschmückten Kammer mit den weiß gekalkten Wänden und dem bunten Teppich auf dem Boden um und schüttelte den Kopf. Diese barmherzigen Menschen, die sich zwar nicht bekreuzigten, aber sie, eine völlig Fremde, liebevoll pflegten und sich Umstände damit machten, einer Fliege das Leben zu retten, sollten eine vergleichbare Bedrohung für die Christenheit darstellen wie die grausamen Muselmanen?

Und doch muss ich hier weg, dachte Clara, fort aus dem Ketzerhaus und aus diesem Marmande. Ich gehöre doch zum Hof des Königs! Seine Ritter sollen mich nicht töten, sondern beschützen! Aber Männer des Königs haben mich in die Garonne geworfen. Sie wussten eben nicht, wer ich bin, hielten mich für eine Ketzerin. Aber wer bin ich wirklich? Weiß ich es denn selbst? Ich bin die Tochter des Grafen von Toulouse. Und Königin Blankas Hofdame, ihr Schützling. Das geht offenbar nicht zusammen. Ich muss fort von hier – zu Ludwigs Männern. Der Kronprinz, den man den Löwen nennt, ist Blankas Gemahl; er wird mich schon hier herausholen und in Sicherheit bringen.

Sie sprang aus dem Bett, doch die Beine versagten ihr den Dienst. Nach zwei Schritten vom Bett zur Tür stolperte sie über ihre eigenen Füße, brach zusammen und riss im Fallen einen schweren Wasserkrug vom Sims.

Die junge Frau stürzte herbei.

„Du musst dich schonen“, sagte sie und schob mit dem Fuß die Scherben beiseite.

„Nein!“, schrie Clara. „Ich gehöre nicht hierher! Ich muss gehen, und ich werde gehen! Sofort!“

Ihre Augen flackerten, wie von wildem Feuer gespeist. Schwer auf die Schulter der viel kleineren jungen Frau gestützt, tat sie einen weiteren Schritt zur Tür. Dann lagen beide Frauen auf dem Boden.
„Sofort“, sagte die junge Frau leicht keuchend „sollten wir auf später verschieben.“

Sie sprach noch etwas, doch ihre Worte gingen in einem dumpfen Dröhnen unter, das sich mit einem Mal in ein ungeheures Getöse verwandelte. Bersten, Krachen, ohrenbetäubendes Pfeifen. Dazwischen aus unzähligen Kehlen Geheul von Mensch und Tier. Es kam näher, schien in einen einzigen höllischen Schrei zusammenzufließen, der das Mark in den Gliedern erstarren ließ. Als wäre der Himmel auf die Erde gekracht, erbebte der Boden unter den beiden Frauen, die sich angstvoll aneinanderklammerten und entsetzt zu der von einem Feuerschein erhellten Fensterluke blickten, durch die bereits erste Funken stoben.

„Mein Kind!“, schrie die junge Frau. Sie riss sich von Clara los und stürzte, den Rock fast bis zur Mitte gerafft, aus der Kammer.

Wäre Zeit für einen Gedanken gewesen, hätte Clara an ein Wunder geglaubt. Ohne auf die eben noch so nachgiebigen Beine zu achten, sprang sie auf, hetzte in den schmalen dunklen Gang und gelangte, wie getragen von drängenden Körpern, die steilen Stufen hinunter zum Ausgang.

Sie wusste nicht, wohin, ließ sich vom Strom der Flüchtenden mitreißen. Sie wankte, konnte aber nicht fallen und wurde wie ein welkes Blatt von einer zur anderen Seite getrieben. Beißender Rauch fraß sich in ihre Kehle; sie hustete, stolperte wieder und wurde schließlich rücklings in eine kleine Nische gedrängt. Raues Mauerwerk riss ihr die Haut an Armen und Handflächen auf, als sie, dem Chaos ausgeliefert, gegen die Wand gepresst wurde.

Brennende Pfeile flogen über die Köpfe, prallten gegen Mauern und stürzten in die Menge. Bilder wie aus Fieberträumen. Grelles Licht wechselte mit Dunkelheit; Krachen, Prasseln und Zischen betäubte die Ohren, ätzender Gestank und Geruch verbrennenden Fleisches stieg Clara in die Nase.

„Rette mich, Gott! Ich will nicht sterben!“

Sie schloss die Augen, öffnete sie erst wieder, als der Druck der Leiber etwas nachließ. Taumelnd trat sie einen Schritt vor.

Etwas kam auf sie hernieder und prallte vor ihr auf den Stein. Blut spritzte ihr ins Gesicht. Durch einen rötlichen Schleier blickte sie erstarrt auf das winzige auseinandergeborstene Häuflein Mensch, ein Kleinkind, vielleicht das ihrer Pflegerin.

Ihr eigener Schrei hallte Clara noch in den Ohren, als ein Mann mit blankgezogenem erhobenem Schwert auf sie zustürmte. Über seinem Kettenhemd trug er den Waffenrock des Königs. In Erwartung des todbringenden Schlages schloss Clara wieder die Augen. Sie spürte einen Luftzug, hörte das Aufschlagen der Klinge auf Stein – und ihren Namen. Sie hob die Lider.

„Clara!“

Der Topfhelm verfremdete die gedämpfte Stimme, doch die violetten Augen, die sich hinter den Metallschlitzen ungläubig weiteten, würde sie überall wiedererkennen.

„Theo“, keuchte sie und streckte dem Mann die Arme entgegen. „Theo! Rette mich!“

Und dann sank sie zusammen.

 

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